Mit dem “thyssenkrupp SunRiser” 3000 Kilometer durch Australiens Outback

Einen ganzen Kontinent ohne einen einzigen Tropfen Sprit durchqueren? Bei der Bridgestone World Solar Challenge“ in Australien haben Studierende aus Bochum das bereits zum 10. Mal geschafft. Der „thyssenkrupp SunRiser“ hat sich in der sogenannten „Cruiser Class“ mit den besten Solarautos der Welt gemessen. Bei diesem Wettbewerb müssen die Fahrzeuge nicht nur nachhaltig sein, sondern auch Alltagstauglichkeit beweisen. Im Fachteam Niedervolt und als Sicherheitsbeauftragte des Bochumer SolarCar Projektes war die Elektrotechnik-Studentin Laura Ackerschott mit in Australien.

Nach genau 3022 Kilometern haben Sie als Beifahrerin in Adelaide die Ziellinie überquert. Wie haben Sie das erlebt?

Laura Ackerschott: Man fährt in Adelaide erst durch die Stadt. Dann kommt die Zieleinfahrt mit dem riesigen Banner „City of Adelaide Finish“. Das ganze Team ist auf einmal da, du steigst aus wirst von allen umarmt, alle feiern und freuen sich. Das war einer der schönsten Momente. Man hat diese 3.000 Kilometer geschafft und ist angekommen. Der Teamgeist, den man da gespürt hat, das war ein unbeschreibliches Gefühl.

Wie fährt es sich denn in so einem „thyssenkrupp SunRiser“?

Laura Ackerschott: Wir haben zwar eine Straßenzulassung, aber man merkt natürlich, dass es ein Prototyp ist. Das heißt, keine Servolenkung und wenig Fahrtkomfort. Funktionen wie Blinker, Scheinwerfer, Geschwindigkeitsanzeige, sowas ist alles gegeben. Was sofort auffällt: man hört fast nichts. Die Motoren arbeiten sehr, sehr leise und wenn man beschleunigt, macht es ein ganz bestimmtes Geräusch. Vor allem ist aber das Gefühl ein anderes, weil man das Auto selbst gebaut hat und man die Technik genau kennt, die dahinter steckt.

Für ein Solarauto sind blauer Himmel und hohe Sonnenintensität natürlich ein Pluspunkt. Aber wie ist das, wenn man im Auto sitzt?

Laura Ackerschott: Heiß! Der „thyssenkrupp SunRiser“ ist mechanisch sehr gut gebaut, also sehr dicht. Es kommt wenig Wind rein. Wir haben zwar eine Lüftung, die können wir aber nicht nutzen, weil sie zu viel Strom brauchen würde. Als Fahrer und Beifahrer ist man regelmäßig Temperaturen um die 60 Grad ausgesetzt. Ich selbst bin lange Etappen mitgefahren und es war im Fahrzeug meist 20 Grad wärmer als draußen. Während der Fahrt ist das nicht das Problem. Man muss entsprechend viel trinken. Der schlimmste Moment ist, wenn man aus dem Auto steigt und man friert, obwohl draußen 40 Grad sind. Ich habe mir tatsächlich bei 40 Grad einen Pulli angezogen, weil mir einfach kalt war.

Gestartet sind Sie in Darwin und dann haben Sie Australien von Norden nach Süden einmal durchquert. Was waren unterwegs die größten Herausforderungen?

Laura Ackerschott: Die Hauptherausforderung war, dass wir 1.200 Kilometer ohne externes Laden fahren mussten, also nur über das Solar-Array auf unserem Dach. Dabei ging es über den Highway in Australien. Hin und wieder wurden wir von den gigantischen Road-Trains überholt. Man selbst sitzt in seinem flachen Solarauto und schaut dann nach oben und immer höher, das fühlt sich schon etwas unbehaglich an. Außerdem war es auf einigen Etappen sehr windig. Die Challenger-Fahrzeuge haben sich, weil sie so leicht sind, teilweise überschlagen oder auf der Straße gedreht. Uns ist zum Glück nichts passiert. Ein leidiges Thema waren bei uns immer die Motoren und die Wechselrichter. Das Zusammenspiel hat nicht so reibungslos funktioniert, hier mussten wir immer wieder nachjustieren, so dass einerseits die Motoren gut liefen, andererseits der Verbrauch dabei nicht zu sehr anstieg.

Sie sind mit einem Team von 25 Leuten in Australiern gewesen, wie läuft das so?

Laura Ackerschott: Schon lange vor dem Wettbewerb war das Vorab-Team in Australien und hat das Auto in Empfang genommen. Das ist im Container mit dem Schiff in Sydney angekommen. Ich bin dann später mit dem Hauptteam nach Australien gereist. Beim Rennen hatten wir zwei Begleitfahrzeuge. Hier waren Experten aus jedem Fachteam vertreten: Elektriker, Mechaniker und Spezialisten, die permanent die Messwerte kontrolliert haben. Außerdem war jemand für Sicherheit, Funk, Telemetrik und erste Hilfe eingeteilt. Dann unsere Fahrer, Beifahrer, Rennteamleiter und Rennstrategen. Zusätzlich hatten wir ein Support-Team, das abends für das Essen, für Getränke und die Lunchpakete gesorgt hat.

Wir hatten einen umgebauten 12-Sitzer als Werkzeug- und Ersatzteillager mit Ersatzreifen und -motoren dabei. Ich selbst war im Elektrikteam. Wir hatten Ersatzmodule mindestens in einfacher, teilweise sogar in doppelter Ausführung. Wenn mal was kaputt war, brauchten wir nicht überlegen, wo der Fehler auf der Platine liegt, sondern haben die Platine getauscht. Und erst abends haben wir uns hingesetzt und geprüft, wo der Fehler genau ist.

 

Eine Frage des Glücks? Es gibt Teams, die haben super Autos, aber da funktioniert das Zusammenspiel nicht so gut. Deshalb mag ich den Begriff Glück nicht und würde es lieber „antrainiertes Glück“ nennen.
Pech wäre, wenn plötzlich ein Känguru über die Straße hüpft.

Jan Hintz

Projektleitung, Hochschule Bochum | SolarCar Projekt

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Faktoren für einen Wettbewerb wie die „Bridgestone World Solar Challenge“?

Laura Ackerschott: Man sollte auf jeden Fall als Team funktionieren, das ist enorm wichtig, ich glaube wichtiger als alles andere. Man kann das beste Auto haben, aber wenn das Team einen Fehler nicht findet, kann man ihn nicht reparieren und unter Umständen nicht weiterfahren. Organisation ist ein sehr, sehr großer Teil, der vielleicht wichtigste. Wenn etwas passiert, muss das Team von jetzt auf gleich funktionieren. Das ist dann ein Wettlauf mit der Zeit. Weil jede Minute, die man unnötig steht, fährt man nicht. Und das sind am Ende wertvolle Punkte. Jeder weiß, was er zu tun hat. Das wird im Vorfeld geübt ohne Ende. Ob man gewinnt, ist am Ende eine Teamleistung und hängt nicht nur vom Fahrzeug selber ab.

Laura Ackerschott studiert Elektrotechnik an der Hochschule Bochum

Wie hat das SolarCar Team der Hochschule Bochum denn beim Rennen abgeschnitten?

Laura Ackerschott: Wir sind am Ende Vierter von 16 Teams geworden. Da können wir sehr stolz drauf sein und uns glücklich schätzen. Unser Team ist heile angekommen, unser Auto ist komplett durchgefahren und wir haben die 3022 Kilometer geschafft. Dementsprechend war es ein sehr erfolgreiches Rennen für unser Team.

Von “Hans go!” bis zum futuristischen “thyssenkrupp blue.cruiser”

20 Jahre Solarautos aus Bochum

Sind wir noch auf dem Campus oder schon am Set für den nächsten Star Wars-Epos? Der hüfthohe thyssenkrupp blue.cruiser mit dem schwarz funkelnden Dach wirkt deplatziert zwischen den funktionalen Hochschulbauten. Bei Sonne ist er in seinem Element und erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 140 km/h. Gebaut haben ihn Bochumer Studenten.

Im Jahr 1999 startete das SolarCar-Projekt an der Hochschule Bochum. Heute ist es weit über die Stadt hinaus bekannt. Als Prof. Friedbert Pautzke vom Institut für Elektromobilität das Projekt ins Leben rief, wollte er das eigenverantwortliche Arbeiten fördern: „Ich habe selber eine Ausbildung gemacht und jeder Azubi hatte mehr Verantwortung als die Studierenden. Wir wollten den Studierenden Verantwortung für das geben, was sie tun.“

Mit Erfolg. In den vergangenen 20 Jahre sind zehn Teams mit Bochumer Nummernschild in Australien bei der Bridgestone World Solar Challenge an den Start gegangen. Rund 500 Studierende haben dabei acht verschiedene Solarautos entwickelt und im Jahr 2012 sogar die erste Weltumrundung mit einem Solarauto geschafft.

Technisch wurden die Solarautos in all den Jahren in Bezug auf Aerodynamik, Gewicht und Effizienz weiterentwickelt. Für den normalen Straßeneinsatz sind sie dennoch nur sehr bedingt zu gebrauchen. „Theoretisch könnten wir autark nur mit Sonne fahren. Bei 50 km/h brauchen wir 800 Watt. Das ist die Energie, die wir in Australien oder manchmal mittags hier über die Sonne reinbekommen. Wenn wir morgens oder abends fahren, wird es dementsprechend weniger. Doch der Energieverbrauch steigt exponentiell mit der Geschwindigkeit.“, sagt der Projektleiter des SolarCar-Teams, Jan Hintz. Es ist daher fraglich, ob ein Autodach genug Fläche für Solarzellen bieten kann. Einfacher und genauso nachhaltig ist es, die Solarzellen auf der Garage zu platzieren und den regenerativen Strom für ein Elektroauto zu nutzen.

Im SolarCar-Team geht es nicht darum, Solarautos auf den Markt zu bringen. Das Projekt bildet hochkarätige Expertinnen und Experten für Elektromobilität aus. Bei Messen und über die Projektpartnerschaften bekommen die Studierenden gute Kontakte in die Wirtschaft. In Zeiten des Fachkräftemangels nutzen Unternehmen aller Größen das Projekt, um Studierende für Praktika, Abschlussarbeiten oder Jobs zu gewinnen.

Junge Bochumer Unternehmen wie Voltavision, Europas größter Batterievermesser, AUKTORA oder innolectric wurden allesamt von Mitgliedern des SolarCar-Teams gegründet. „Die Leute aus dem Projekt sind ruckzuck weg“, sagt Jan Hintz: „Firmen melden sich, kooperieren und suchen den Kontakt zu Studierenden, die in der Lage sind, selbständig etwas zu erarbeiten.“

Die ersten Solarautos, wie „Hans go!“ hatten drei Räder und keine Türen. Heute sind die Wagen verkehrstauglich, haben Straßenzulassungen und können nur noch in kleinsten Details weiterentwickelt werden. Wohin geht die Reise für die Bochumer Mobilitäts-Experten? Nachhaltigkeit bei der Batterieoptimierung, Konzepte für Autonomes Fahren und warum nicht auch die Entwicklung von Flugtaxen lassen in Bochum viel spannende Arbeit für die Mobilität der Zukunft erwarten.

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