Radio Bochum

Irgendwas mit Medien

Im Journalismus ist es wie in vielen anderen Branchen auch: Zwar sind dort viele Frauen unterwegs, aber eher selten in führenden Positionen anzutreffen. Eine Ausnahme stellt Radio Bochum dar. Chefredakteurin ist seit fast einem Vierteljahrhundert Andrea Donat, unterstützt von zwei Stellvertreterinnen. Seit letztem Jahr ist sogar der dreiköpfige Vorstand von Radio Bochum ausschließlich weiblich besetzt – einzigartig in der Lokalsender‐Landschaft in NRW. Frauen im Fokus traf Andrea Donat zum Interview.


Andrea Donat wuchs als waschechte Bergmannstochter zunächst in Mülheim, später in Dorsten‐Wulfen auf. Nach dem Abitur 1978 an einem altehrwürdigen Mädchengymnasium ging’s zum Publizistik‐Studium nach Münster. Doch schon bald langweilte sie das Fach und sie stieg um auf Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. „Ich habe nur nach Neigung studiert, ohne feste Karriereplanung. Irgendwas mit Medien wollte ich gerne machen, aber Radio hatte ich damals überhaupt nicht auf dem Schirm“.

Und so arbeitete Andrea Donat nach dem Studium zunächst zwei Jahre bei einem Konkursverwalter. „Das hat Spaß gemacht, auch wenn es mit meinem Studium nichts zu tun hatte.“ Eines Abends traf sie sich mit einem alten Studienkollegen, der sein Geld als Nachrichtensprecher verdiente, auf ein Glas Wein und sprach mit ihm über ihre berufliche Zukunft. „Du hast eine schöne Stimme, bewirb dich doch beim Radio“, motivierte sie der Freund. Gesagt, getan: Kurz darauf besuchte sie ihn im Studio, nahm dort eine Demokassette auf und schickte sie an Radio NRW. Prompt wurde sie engagiert, zunächst als Praktikantin, später als freie Mitarbeiterin. Es folgte ein Volontariat bei „Welle West“ in Heinsberg, um das Studium mit einer journalistischen Ausbildung zu untermauern.

Von der Praktikantin zur Chefredakteurin

Andrea Donat erinnert sich: „Das war damals die Pionierzeit des Lokalradios. Die Zeitungen waren es noch gar nicht gewohnt, Konkurrenz zu haben, die beispielsweise direkt nach einer Ratssitzung darüber berichtete und nicht erst Tage später“, erinnert sie sich. Nach dem Volontariat wurde sie zunächst als Redakteurin übernommen, stieg später zur Chefin vom Dienst (CvD) auf und übernahm die kommissarische Leitung als Chefredakteurin. „Das war zwar alles spannend, aber ich wollte unbedingt zurück ins Ruhrgebiet. Und dann, kurz vor einer lang geplanten Amerikareise, wurde die CvD‐Stelle in Bochum ausgeschrieben. Ich schickte noch rasch meine Bewerbung ab und wurde kurz nach meiner Rückkehr zum Vorstellungs-gespräch geladen.“ Mit Erfolg: 1997 trat sie ihre Stelle bei Radio Bochum an, seit 1998 arbeitet sie dort in der Funktion als Chefredakteurin.

Andrea Donut im herrlichen Redaktionschaos

Hat sich ihr Job seit damals verändert? „Nichts ist in dem Geschäft mehr wie in meiner Anfangszeit, die gesamte Medienlandschaft und die Technik haben sich total verändert. Wir haben anfangs noch auf Magnettonbändern und Kassetten produziert. Seitdem ist der Lokalfunk immer wieder totgesagt worden, und wir mussten immer etwas Neues erfinden. Vor allem durch die digitale Konkurrenz befinden wir uns heute in einer völlig anderen Rezeptionswelt. Der Markt wird fragmentierter, das Angebot immer größer, nächstes Jahr kommen noch einmal neue Sender hinzu. Die Hörer*innen sind es mittlerweile gewöhnt, Sendungen on demand zu folgen. Heute werden Beiträge gestreamt, und vor allem die jüngeren Leute besorgen sich aus verschiedenen Medien alle Informationen, die sie brauchen und stellen sich sozusagen ihr Programm selbst zusammen. Eine große Herausforderung für den Lokalfunk!“

 

Wandel durch Technik

Verhalten sich Frauen im Radio‐Journalismus heute anders als früher? Klares Ja. Als ich anfing, war mir Frauenförderung sehr wichtig. Anfängerinnen mussten quasi ,getreten‘ werden, eine Sendung zu moderieren. Klassischerweise fängst du beim Radio als Reporterin an, damit du das Handwerk lernst. Dann geht’s weiter mit den Nachrichten, und schließlich steigst du in die Moderation ein. Da hatten früher die Frauen immer deutlich weniger Selbstbewusstsein als die Männer. Viele haben es sich einfach nicht zugetraut – und sind heute begeisterte und tolle Moderatorinnen. Das mangelnde Selbstvertrauen kannte ich von mir selbst und konnte dadurch anderen Frauen gut helfen und ihnen Mut machen.

Und heute? „Im Zuge der Digitalisierung hat sich das völlig verändert. Frauen haben wesentlich weniger Angst vor der technischen Seite des Berufs als früher. Heute moderieren schon Anfängerinnen technisch anspruchsvolle Sendungen wie die Ruhr Charts. Dort werden seit zehn Jahren lokale Bands und Newcomer*innen vorgestellt. Die Sendung erfordert ein besonders präzises Timing, es geht um Sekunden, und der Schnelldurchlauf ist wirklich schwierig zu fahren. Das schaffen die Frauen mittlerweile spielend, die Technik schreckt sie nicht ab, und sie hinterfragen sich nicht mehr so kritisch wie früher“.

Heute liegt der weibliche Anteil der Praktikumsbewerbungen bei etwa 70 Prozent, auch das hat sich im Vergleich zu früheren Jahren deutlich geändert.

 

Infos zu Radio Bochum

Radio Bochum ging 1990 als Ruhrwelle Bochum auf Sendung. Elf festangestellte und zahlreiche freie Redakteur*innen, Moderator*innen und sonstige Mitarbeitende sorgen täglich für bis zu neun Stunden Lokalprogramm. Die Frauenquote liegt insgesamt bei etwa 60 Prozent. Radio Bochum hat im Schnitt 96.000 Hörer*innen pro Wochentag und hält damit als Marktführer im Sendegebiet einen Marktanteil von 30 Prozent. Der Sender ist eine von 44 Lokalstationen des Servicebetreibers Westfunk, der zur Funke Mediengruppe gehört. Das Mantelprogramm wird von Radio NRW produziert.

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